Theaterkritik von Prof. Karl Lampl

    Das Fenster zum Flur: eine große Überraschung

    fenalexpetr255.jpg - 28576 BytesNach Büchners klassischer Komödie stand das Volksstück  DAS FENSTER ZUM FLUR von Curth Flatow und Horst Pillau am Programm. Das Stück, 1960 uraufgeführt, war sofort ein großer Publikumserfolg und wird immer wieder auf den Spielplan gesetzt. Trotz einigen Falten hat es die Zeit gut überstanden, denn sein zeitloses Thema, Konflikt zwischen Eltern und Kindern, wird immer Bühnenstoff bleiben.

    Die Handlung mit den üblichen Klischees des Lustspiels ausgestattet, schildert den verbissenen Kampf einer verbitterten Hausmeisterin, die, unter dem Vorwand, für ihre Kinder das Beste zu wollen, sich selbst durch deren Leben realisieren will, weil ihr selbst der Aufstieg in die Chefetage verwehrt war. Der Maßstab ihrer Werteskala ist ähnlich wie in der  britischen Serie KEEPING UP APPEARANCES der Nachbar auf der Strasse. Aber ihre Rechnung geht nicht ganz auf. Die Bearbeitung dieses zum Melodrama bestens geeigneten Stoffes wird durch komische Peripetien und witzige Dialoge zur erfolgreichen Komödie, die die breiteste Schicht des Publikums anspricht. Die Reaktion des Publikums bestätigt das. Es belohnt die Schauspieler mit ehrlich verdientem Applaus.

    Das Familienoberhaupt, Anni Wiesner, eine entfernte Verwandte der Anna Fierling, wird von Suzanne Roth dargestellt. Fulminant fegt sie über die Bühne: sie tyrannisiert, nörgelt, manipuliert und wenn das nichts nützt bricht sie in Tränen aus. Ihre Krokodilstränen, ihre köstlich plazierten Malapropismen und ihre Augenblicke wahrer Mutterliebe sind besonders eindrucksvoll. Ihre komplexe Gestaltung der Rolle erlaubt Suzanne Roth alle Register voll und wirksam einzusetzen. Eine Bravourleistung.

    Birgit Koch bietet eine psychologisch sehr subtile und interessante Interpretation der aus Amerika zurückgekehrten Helen. Sie gibt sich selbstbewußt, aber trotzdem fühlt man ihre Unsicherheit. AIs sich ihre Geschichten als Schwindel erweisen, nimmt sie ohne weiteres eine frühere Beziehung wieder auf, well sie "vernünftig geworden" ist. In beiden Situationen erlaubt sie keinen Blick in ihr Inneres, egal was sie sagt.

    Als ihre Schwester lnge wehrt sich Petra Kixmöller energisch und nicht mundscheu gegen die mütterlichen Ambitionen. Ironischerweise führt sie sich aber wie die Mutter auf, wenn sie ihren ,,selbstandigen" Liebhaber herumkommandiert, unterscheidet sich aber von ihr durch ihre Großzügigkeit und echte Sorge für die Familie. Ein erfrischendes Bild der jungen Anni.

    Die männlichen Rollen verkörpert das “schwache Geschlecht”. Allen voran steht Erwin Potitt. Es bedarf einer großen schauspielerischen Begabung, den Gatten Karl aus dem Schatten seiner dominierenden Frau heraustreten zu lassen. Der Selbstmordversuch und die darauffolgende komische ,,Erleichterung" werden durch Potitt zum Höhepunkt des Stückes. Diese Szenen erwecken einen bleibenden Eindruck. Schade, daß das Deutsche Theater Montreal nicht auf Tour geht, so daß auch das Publikum anderer deutschsprachiger Bühnen zu dem Genuß einer. solchen großartigen Darstellung kommt.

    Herbert, der Medizinstudent wider Willen, gespielt von Harald Winter, steht wie sein Vater unter der Herrschaft der Mutter. In verbalen aber rückgradlosen Versuchen, vermittelt er glaubhaft seine Frust. Das von der Mutter angestrebte Ziel will er nicht erreichen! Besonders eindrucksvoll ist jedoch die Wandlung, wie er zu sich selbst findet, weil er helfen kann.

    Heinz Becker als Erich Seidel ist erfolgreich als Kontrastfigur zum imaginären amerikanischen Millionär. Er unterstreicht den biederen aber naiven Handwerker, dem man seine Güte und die Liebe zu Helen gerne abnimmt.

    In der Rolle des liebenswerten und betrunkenen polnischen Musikers Kowalski bringt Alexander Popov nicht nur die Familie auf seine Seite. Sein kurzer Auftritt trägt nicht unwesentlich zur Erheiterung des Publikums bei. 

    Cassian Bopp als Helens Sohn fügt sich gut ein in das ausgezeichnete Ensemble.

    Die Regie von Suzanne Roth sorgt for den raschen Ablauf des Geschehens. Selbst die wenigen Ruhepunkte sind spannungsgeladen. Das Bühnenbild allerdings erweist sich als problematisch. Hinter einer Portierloge erwartet man sich kein großräumiges Zimmer. Auch die Kostüme hätten deutlicher die Mode der 60er Jahre reflektieren können. Aber all das stört kaum den allgemeinen Eindruck. DAS FENSTER ZUM FLUR zählt zu den besten Produktionen des Deutschen Theaters Montreal.