THEATERKRITIK von Prof. Karl Lampl
Das Echo”, Juli 2000 Leonce und Lena im Centaur Theater
Ein Stück zum Nachdenken
Büchners Leonce und Lena (1834) war die riskante Wahl für die Frühjahrsproduktion des Deutschen Theaters Montreal. Das ambivalente Stück, eine Parodie auf Brentanos Ponce de Leon und eine beissende Kritik an den Regierungen der deutschen Kleinstaaten, ist auch eine Rarität auf der Bühne.
Die Handlung in Kürze:
Prince Leonce, ein gelangweilter Müssiggänger wird von seinem Begleiter Valerio, im süßen Nichtstun unterstützt und verabschiedet aus Überdruß seine geliebte Rosetta. Weil er eine ihm unbekannte Prinzessin Lena heiraten soll, verltäßt er sogar den Hof. Im Wald trifft er auf eine fremde Dame, die ebenfalls von ihrem Hof weggelaufen ist. Natürich ist es Lena. Sie verlieben sich und heiraten. War es freier Wille oder Macht des Schicksals?Büchner wiederholt hier komödienhaft seine Lieblingsthemen: den nutzlosen Widerstand gegen die Regeln der Gesellschaft und die Ablehnung des “Ich” bezogenen romantischen Lebensstils. Er zeichnet seine handelnden Personen entweder als Opfer oder als Marionetten. Freilich, zuviel Philosophie hemmt die Theaterwirksamkeit und auf die kommt es dem Regisseur und Schauspieler Erwin Potitt an.
Wie bei Moliere und Voltaire ist oft die Begleitfigur des Hauptdarstellers z.B. Sganarelle und Pangloss, markanter profiliert als der jüngere Held. Hier setzt Potitt den Akzent und amüsiert das Publikum durch seine Darstellung des Lebenskünstlers, Epikureers und Amateur-philosophen, Valerio. Dieser kennt “alle Fußpfade zum Narrenhaus”, hat “ungemeine Fertigkeit im Nichtstun” und möchte sein Leben im Schlaraffenland beenden. Aus dem rasiermesserscharfen Spruch des ewig Angeheiterten holt Erwin Potitt jede Nuance glasklar heraus. Eine wahre Tour-de-force. Den Valerio kann Potitt auf die lange Liste seiner Erfolgsrollen setzen.
Andreas Lange als Prinz legt die Rolle psychologisch an. Mir seinem passiven Heldenporträt könnte er schon ein Vorläufer von Huysmans dekadenten Des Esseintes in seiner fin-de-siecle Müdigkeit sein. Eine schauspielerische Leistung aus einem Guss. Allerdings kommt die Ausformung der sich heute wohl nicht mehr natürlich ergebenen Sprache etwas zu kurz.
Martina Teichmann interpretiert die Prinzessin Lena etwas eigenwillig. Vom Text her eher als ein Nachtschattengewächs konzipiert, kehrt sie zwar zu Beginn deren Lebensmüdigkeit hervor, entscheidet sich aber bald für eine robustere Gestaltung. Der Rolle als Gouvernante wirkt Elisabeth Canisius etwas zu mädchenhaft. Sie hätte vielleicht die resche Seite einer Duenja stärker unterstreichen können.
Der Hof sorgt für die politische Satire. An der Spitze steht König Peter, der die feudale Tradition repräsentiert. Eric Dyck mir dieser Rolle betraut, kann sein Talent als Komiker voll entfalten, wenn er den “denkenden” Schutzherrn zum Halbidioten degradiert. Die Hofstaatriege ist köstlich gelungen. Der Hofmeister (Peter Tams) und Zeremonienmeister (Harald Winter), bestens koordiniert als gedrillte Hofschranzen, antworten immer im Unisono und marschieren im Zinnssoldatenschritt.
Als Rosetta darf Petra Kixmöller effektvoll auftreten. Hinter der koketten Maske spürt man wahre Enttäuschung, wenn ihre erotischen Annäherungsversuche fehlschlagen.
Brav absolvieren Sven Radke (auch als Hofprediger) und Heinz Becker mit stentorischer Stimmgewalt ihre Aufgabe als Grenzer. Für die stilgerechten Kostüme war Birgit Koch verantwortlich.
Einfachheit bestimmt Potitts Personenführung. Er läßt das Stück mir kleinen Gesten spielen und verzichtet auf Dekor und Requisiten. Er bewältigt das Problem des häufigen Szenen-wechsels genial durch Lichtregie und verlagert das Schwergewicht auf das Wort. Dadurch lenkt er aber die Aufmerksamkeit auf die Achillesferse des Deutschen Theaters Montreal: die Diktion und das Sprachgefühl der jüngeren Mitglieder des Ensembles. An diesen Elementen könnte noch gearbeitet werden. Wenn diese Hürde überwunden wird, steht einer Aufführung auf höchstem Niveau nichts mehr im Wege.