Theaterkritik von Prof. Karl Lampl

    Molières Testament: „Der eingebildete Kranke“

    BonneArgBel320.jpg - 29936 BytesDas Stück, von André Gide als Molières Meisterwerk angesehen, ist sein letztes. Er selbst spielte den Argan und starb nach der vierten Vorstellung. Von dieser Perspektive aus betrachtet wird diese Komödie in ein anderes Licht gerückt. Die Handlung folgt einem traditionellen Schema.. Argan hat wie jeder Protagonist bei Molière einen dominierenden aber destruktiven Charakterzug, in diesem Fall ist es die Hypochondrie. Er wird schamlos von Apothekern und Ärzten ausgenutzt, die ihm obendrein sogar einen angehenden Mediziner als Schwiegersohn aufzwingen wollen. Dazu kommt noch, dass seine zweite Frau ihn von seiner Tochter zu trennen versucht. Durch das energische Eingreifen seiner Haushälterin Toinette und seines Bruders Béralde gelingt es, den Betrügereien ein Ende zu setzen: seine Tochter Angélique kann den Mann ihrer Wahl heiraten.

    Der eingebildete Kranke ist Molières Testament. Der Autor greift noch einmal seine Lieblingsthemen auf: die Manie des Protagonisten, die Bedrohung des ehelichen Glücks der Kinder durch die väterliche Tyrannei, Hypokrisie und dazu zwei warnende Stimmen der Vernunft, eine männliche und eine weibliche. In diesem Stück stellt Molière die Handlung in einen musikalischen Rahmen und sorgt für eine karnevalistische Atmosphäre durch Gesang und Ballett. Er kontrastiert die rauhe Wirklichkeit der Todesnähe mit märchenhafter Pastorale.

    Erwin Potitt streicht aus praktischen Gründen den musikalischen Teil, läßt aber im großen und ganzen das Werk intakt. Es geht auch ohne Apotheker Fleurant. Die Verwandlung des Bruders Béralde in die Schwester Géraldine stört nicht. Etwas gravierender ist die Kürzung des Monologes von Dr. Diafoirus. Molières Kritik an der Medizin ist um so ätzender, weil er als Sprachrohr einen Arzt benützt und dessen Sohn, Thomas, ein armer einfältiger Dummkopf, auch Mediziner sein läßt. Im guten Glauben stellt Diafoirus Thomas als Angéliques Bräutigam vor: der frischgebackene Arzt ist obstinat, schwer von Begriff und gegen jeden Fortschritt.  Der sterbende Autor rechnet hier mit der Medizin des l7. Jahrhunderts ab: eine zentrale Stelle im Stück.

    Erwin Potitt führt Regie und stellt mit Recht den Lehnstuhl in den Mittelpunkt, um den leidenden Argan unnötige Bewegungen zu ersparen. Er läßt die anderen Mitwirkenden entweder ihn sorgend oder geldhungrig umkreisen. Es ist zu bemerken, daß Molière äußerst schwierig zu spielen ist; deklamierend à la Comédie Française oder fast getanzt alla Comedia dell’Arte. Ein Stilelement haben beide gemeinsam: einen schnellen Rhythmus und unterspielte Pointen. Hier zeigt die Aufführung einige Schwächen: die Pointen waren zu betont und der Rhythmus zu langsam, eher deklamierend als agierend.

    Potitt übernimmt auch die Rolle des Protagonisten Argan. Das Besondere an seiner Interpretation ist die Körpersprache. Sogar sitzend gelingt es ihm die Hypochondrie zu gestalten und den leidenden Autor durchblicken zu lassen. Ein Textbuchbeispiel für tragische Ironie.  Als Argans Gattin Béline umsorgt Helga Schmitz voll Saccharinsüße den Gemahl mit vielen Gesten, läßt aber diskret ihre Habgier merken. Im kürzen Denouement jedoch fehlt ihr die triumphierende Härte. Ihre Stieftochter Angélique, dargestellt von Petra Kixmöller, wirkt frisch und natürlich in Freude und Schmerz. Sie und ihre Auserwählter Cleante bilden ein ideales Paar. Andreas Lange trifft auch den richtigen Stil in der Schäferszene. Louison, Angéliques Schwester (Stéphanie Rioux-Wunder) ist entzückend in ihrer Naivität.  Suzanne Roth als Argans Schwester Géraldine versteht es der Stimme der Vernunft das nötige Gewicht zu verleihen..  Eric Dyck spielt Dr. Diafoirus recht würdig. Dessen Monolog ist so salbungsvoll, daß man glaubt er halte die eigenen Dummheiten für Weisheit. In seine Fußstapfen folgt Harald Winter, als sein Sohn Thomas, Das groteske Porträt des jungen geistig und physisch behinderten Mediziners bleibt einem in Erinnerung .. Kompetent erledigt Peter Tams seine Aufgabe als Dr. Purgon.  Hinter wortreichem, juridischem Jargon verbirgt der Notar Bonnefoy (Heinz Becker) überzeugend seine wahre Absicht, Argan zu beschwindeln. Dominierend agiert Maggy Ackerblom in der Rolle der Haushälterin Toinette. Ihr scharfer Ton sowohl als ihre gekonnten Schmeicheleien macht sie zur formidablen Gegnerin der Feinde Argans. Die Mütterlichkeit, mit der Molière im allegmeinen seine Haushälterinnen ausstattet, fehlt ihr jedoch. Ein Lob verdient Birgit Koch für die stilgerechten Kostüme.

    Das Deutsche Theater Montreal (DTM) hat wiedereinmal bewiesen, daß das Ensemble auch anspruchsvolle Klassiker in kompetenter Inszenierung und guter Besetzung aufführen kann. Ein zufriedenstellender Abend.

    (Das DTM bedankt sich beim ECHO für die Benutzung der Kritik)

     

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